Schlagend oder nicht schlagend?
Burschenschaften zwischen Ritual, Körper, Identität und Unbewusstem**
Einleitung: Warum der Unterschied mehr ist als eine Fechtfrage
Der Unterschied zwischen schlagenden und nicht schlagenden Burschenschaften wird oft technisch oder folkloristisch erklärt: Die einen fechten Mensuren, die anderen nicht. Psychoanalytisch betrachtet markiert diese Unterscheidung jedoch eine tiefere Differenz im Umgang mit Körper, Aggression, Männlichkeit, Angst und Zugehörigkeit.
Die Frage, ob eine Verbindung „schlagend“ ist, entscheidet nicht nur über Rituale – sie berührt zentrale Aspekte kollektiver Identitätsbildung und unbewusster Selbstdeutung.
Historische Entstehung: Woher kommt das „Schlagen“?
Die Ursprünge im 19. Jahrhundert
Burschenschaften entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, zunächst als liberale, nationale Studentenbewegung. In dieser Frühphase war das Fechten kein einheitliches Merkmal. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Mensur als zentrales Ritual vieler Verbindungen.
Das akademische Fechten geht auf adelige Ehr- und Duellkulturen zurück. In einer Zeit ohne politische Mitsprache wurde der Körper zum Ort der symbolischen Selbstbehauptung.
Die Mensur ist kein Kampf um Sieg, sondern ein ritualisiertes Stehenbleiben.
Ziel ist nicht Verletzung, sondern Standhaftigkeit.
Die sichtbare Narbe (der „Schmiss“) fungierte als sozial lesbares Zeichen von Mut und Zugehörigkeit.
Schlagende Burschenschaften: Körper, Aggression und Kontrolle
Was gehört dazu?
Pflichtmensuren
Fechtunterricht
strenge Regeln (Schutz, feste Abläufe)
hohe Bedeutung von Disziplin, Durchhaltevermögen und Loyalität
Psychoanalytische Deutung
Aus psychoanalytischer Sicht erfüllt das Schlagen mehrere Funktionen:
1. Ritualisierte Aggression
Freud beschreibt Aggression als unvermeidlichen Bestandteil menschlicher Psyche. Die Mensur kanalisiert Aggression in eine sozial kontrollierte Form. Sie erlaubt Gewalt, ohne sie eskalieren zu lassen.
2. Körper als Beweis des Ichs
Der Körper wird zum Träger von Identität. Der Schmiss ist eine narzisstische Inskription: „Ich habe standgehalten.“
3. Angstbewältigung durch Wiederholung
Die strenge Ritualisierung reduziert Angst. Die immer gleiche Form erzeugt psychische Sicherheit – ähnlich wie Zwangsrituale auf individueller Ebene.
4. Männlichkeitsprüfung
Schlagende Verbindungen operieren häufig mit einem impliziten Ideal von wehrhafter, kontrollierter Männlichkeit. Schmerz wird nicht negiert, sondern integriert.
Nicht schlagende Burschenschaften: Moral, Geist und Abgrenzung
Was gehört dazu?
Verzicht auf Mensur
Betonung von Geselligkeit, Debatte, politischem oder religiösem Austausch
oft stärkere Öffnung für moderne Lebensentwürfe
teilweise gemischte oder nicht rein männliche Strukturen
Historisch entstanden nicht schlagende Burschenschaften aus:
religiösen Gründen (z. B. christliche Korporationen)
Ablehnung der Duellkultur
politisch-ethischen Differenzen
Psychoanalytische Deutung
1. Sublimierung statt Konfrontation
Aggression wird stärker in Sprache, Diskussion und Symbolik verlagert. Das entspricht dem psychoanalytischen Konzept der Sublimierung.
2. Über-Ich-Dominanz
Nicht schlagende Verbindungen betonen oft moralische Integrität. Psychoanalytisch kann dies als stärkere Orientierung am Über-Ich gelesen werden.
3. Abwehr durch Distanzierung
Der Verzicht auf körperliche Rituale kann auch eine Abwehr gegen Angst vor Verletzbarkeit sein – sowohl körperlich als auch emotional.
Warum tritt man einer Burschenschaft bei?
Unabhängig davon, ob schlagend oder nicht, lassen sich wiederkehrende psychische Motive erkennen:
Suche nach Zugehörigkeit
Wunsch nach klaren Rollen in einer komplexen Welt
Übergangsritual zwischen Jugend und Erwachsensein
Kompensation von Vereinzelung im Studium
Weitergabe familiärer oder kultureller Traditionen
Psychoanalytisch handelt es sich oft um eine Identitätsstütze in einer liminalen Lebensphase (Studium als Übergang).
Schlagend vs. nicht schlagend: Zwei Antworten auf dieselbe Angst
Beide Formen reagieren auf ähnliche Grundkonflikte:
Angst vor Bedeutungslosigkeit
Angst vor Kontrollverlust
Angst vor sozialer Fragmentierung
Schlagende Verbindungen antworten mit:
Körper
Härte
Sichtbarkeit
Ritualisierter Konfrontation
Nicht schlagende Verbindungen antworten mit:
Moral
Diskurs
Gemeinschaft
Symbolischer Ordnung
Psychoanalytisch sind beide Formen Abwehrsysteme – nicht pathologisch, sondern kulturell organisiert.
Wie ist die Situation heute?
Heute stehen beide Formen unter Druck:
gesellschaftlicher Wandel
Kritik an Männlichkeitsbildern
politische Kontroversen
sinkende Mitgliederzahlen
Viele Verbindungen modernisieren sich:
freiwillige Mensuren
Öffnung für Frauen
stärkere Distanzierung von nationalistischen Ideologien
Gleichzeitig halten andere bewusst an traditionellen Formen fest – oft als Reaktion auf empfundenen Identitätsverlust.
Psychoanalytische Gesamteinordnung
Freud beschreibt Gruppen als Orte, an denen das individuelle Ich teilweise aufgegeben wird, um Sicherheit zu gewinnen. Burschenschaften – schlagend wie nicht schlagend – funktionieren genau so:
Sie bieten Struktur gegen Angst, Identität gegen Unübersichtlichkeit.
Der Unterschied liegt nicht in „modern vs. rückständig“, sondern in der Art der psychischen Verarbeitung:
Körperlich-rituell oder
symbolisch-diskursiv
Literatur und Referenzen
Burschenschaften & Geschichte
Bernhard Weidinger: Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945
Georg Heer: Die deutschen Burschenschaften
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW)
Psychoanalyse & Gruppen
Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse
Wilfred Bion: Experiences in Groups
Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit
Männlichkeit & Körper
Klaus Theweleit: Männerphantasien
Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft
Raewyn Connell: Masculinities
Schlussgedanke
Der Unterschied zwischen schlagenden und nicht schlagenden Burschenschaften ist kein bloßer Traditionsstreit. Er ist Ausdruck unterschiedlicher psychischer Strategien im Umgang mit Angst, Aggression und Zugehörigkeit.
Psychoanalytisch betrachtet sagen beide Formen weniger darüber aus, wer recht hat – als darüber, wie Menschen kollektive Identität organisieren, wenn die Welt unübersichtlich wird.